Der Seherin über die Schulter geblickt: Warum funktioniert das Kartenlegen als Zukunftsblick?

Sich die eigene Zukunft voraussagen zu lassen, gehört für viele Menschen zu den spannendsten Erfahrungen ihres Lebens, die sie auch tief berühren. Früher war der Gang zur niedergelassenen Kartenlegerin unumgänglich, um sich „die Karten legen zu lassen“ und einen Rat für das eigene Schicksal zu konsultieren, und oft mussten Ratsuchende lange Wege zurücklegen und hohe Preise zahlen, bis sie die gewünschte „Audienz“ erhielten. Heute ist der Zugang zur professionellen esoterischen Lebensberatung weitaus einfacher und unkomplizierter, denn es genügt, bequem von Zuhause aus einen Experten von einem Beratungs-Portal zu konsultieren, der zuverlässig erreichbar ist und dessen Redezeit zu transparenten und fairen Kosten abgerechnet wird. Aufgrund der hohen Verbreitung von Beratern und ihrer Erschwinglichkeit ist der gelegentliche Blick aufs Kartenorakel für viele Menschen heute zum einem willkommenen neuen Standard des Alltags geworden.

 

Doch das Kartenlegen an sich als erhellende Prognose für die Zukunft hat dadurch nichts von seinem ureigenen Reiz und dem Mysterium, das es seit jeher umgibt, verloren. Wir fragen uns heute, warum das Kartenlegen eigentlich funktioniert: Beraterin Anna Amalia gibt uns Aufschlüsse über die Geheimnisse ihrer Kunst und die Art und Weise, wie aus den Karten das Schicksal gedeutet werden kann.

„Grundsätzlich kann man schlüssig beweisen, dass das Kartenlegen wahr ist: nichts bewährt sich über Jahrhunderte hinweg, wenn es den Menschen nicht zufriedenstellen würde. Es ist ähnlich wie mit den alten Wetterregeln: warum bewahrt man sie auf und zitiert sie immer wieder, wenn sie nicht erfahrungsgemäß Wahres in sich haben? Hierbei spielt es keine Rolle, ob ein System zu unserer Orientierung aus dem vergangenen Jahrhundert oder aus dem Mittelalter stammt: wenn es sich bewährt hat aufgrund der Richtigkeit und Präzision der Aussagen, kann und will man es immer wieder verwenden. Oder glauben Sie etwa, die Menschen benutzen seit fünfhundert Jahren das Tarot, wenn noch nie jemand dadurch Wahres über seine Zukunft erfahren hätte? Sie sehen also, die Wahrscheinlichkeit, dass die Karten Wichtiges und Richtiges mitteilen, ist sehr hoch, und es gibt offenbar seit Generationen immer wieder gute Erfahrungen damit – denn andernfalls würde man die Orakelkarten im Museum zeigen und kein Mensch würde sie mehr benutzen. Es ist also „etwas Wahres“ dran“, wie man so schön sagt.

 

Doch wie diese Wahrheit eigentlich zustande kommt, das ist ein vielschichtiger Prozess, und deshalb ist es so spannend, diesen nachzuvollziehen. Als Kartenleger lernen wir zuerst die Bedeutung unseres jeweiligen Systems kennen, sei es Tarot, Skat, Lenormand oder ein anders Kartendeck – das ist der Einstieg, der einem ein Grundverständnis vermittelt. Beim Tarot gibt es zum Beispiel 78 Karten, davon 22 sogenannte große Arkana (das sind die Trumpfkarten) und 56 kleine Arkana, das sind die Zahl- oder Farbkarten. Je nachdem, wie diese Karten in der individuellen Auslage für den Ratsuchenden liegen, können ganz unterschiedliche Bilder entstehen, die seine aktuelle Lebenssituation, aber auch deren Dynamik in der Zukunft anzeigen. Denn die Zukunft ist ja im Grund schon unmittelbar in der Gegenwart geborgen, so wie eine Pflanze im Keim geborgen ist, bis sie sich völlig frei entfaltet. Diese Entfaltung der Dinge, die jetzt schon unmerklich da sind, in der nahen Zukunft ist natürlich der Punkt, der für den Kartenleger und seinen Klienten am interessantesten ist.

 

Die Karten helfen hierbei, gleichsam die Landkarte zu zeichnen, zu zeigen, wo sich der Ratsuchende gerade befindet und was sich vor seinen Füßen abspielt. Um beim Bild der Landkarte zu bleiben: sie zeigt auch zerklüftetes und gefährliches Gelände auf – das sind die aktuellen Krisen und die problematischen Situationen, die wir umgehen sollten. Andererseits gibt es auch oft mehr als einen Weg, der zum Ziel führt, und als guter Kartenleger berät man seinen Kunden in der esoterischen Lebensberatung auch dahingehend, welche Alternativen er hat. Denn auch hier ist das Sinnbild von den Karten als Landkarte stimmig: die Landkarte zeigt nur die Wege an, gehen muss man selber!“

 

Das Kartenlegen als Landkarte des Unterbewusstseins – das klingt ebenso poetisch wie plausibel, doch wie ist es eigentlich möglich, dass eine individuelle Auslage von Karten ein ganz persönliches Schicksal abbilden kann? Die Karten sind ja eigentlich vorgefertigt, das heißt, man hat eben im Tarot die bekannten 78 mystisch wirkenden Bildkarten, im Skat die 32 populären Karten oder im Lenormand-Deck die beliebten 36 Bilder, die als romantisch anmutende Fensterchen ins Zeitgeschehen hineinragen können.

 

Doch das Vorhandensein eines standardisierten Decks erklärt uns ja gerade nicht, weshalb bei einer Konsultation des Orakels die Frau Meier eine ganz andere Aussage aus den Karten gedeutet bekommt, als die Frau Bernardi – und dass beide Aussagen auch noch zutreffen. Auch hierauf weiß Anna Amalia eine Antwort:

 

„Unser Leben besteht doch ebenfalls aus „standardisierten“ Situationen, die jeweils für den Einzelnen unterschiedlich gemischt werden: jeder macht irgendwann bestimmte Erfahrungen, jeder erlebt zum Beispiel mal eine Trennung oder einen Verlust, oder im Gegenteil eine freudige Überraschung, das ist das Allgemeine, doch wann und wie das beim Einzelnen eintrifft, das ist das Individuelle. Das Skatblatt, das Lenormand-Deck und ganz besonders das Tarot decken solche allgemeinen Situationen ab, Alltagserfahrungen, die wir alle machen, oder auch Lebensereignisse, die einschneidenden Charakter haben, wie Wachstumsschritte oder Grenzerfahrungen.

 

Das ist alles menschlich- allzu menschlich; das Kartenspiel spiegelt also in seiner Bildwelt sozusagen die Erfahrungsdimensionen wider, die wir auf der Erde machen. Durch das Mischen und das Auslegen eines individuellen Kartenblatts entsteht jedoch aus der Verbindung vom Allgemeinen – den vorgefertigten Karten – und Individuellem – dem Schicksal und dem eigenen Impuls des Ratsuchenden – sein ganz persönliches Blatt, das mit keinem anderen identisch ist. Ich kann zum Beispiel aus Erfahrung sagen, dass keine Kartenauslage einer anderen gleicht, auch wenn natürlich immer dieselben Karten verwendet werden, denn die Reihenfolge, die Symmetrie und die Kombinatorik ist immer eine andere – je nachdem, wer das Orakel über seine Zukunft befragt. Manche Menschen haben sogar eine Art eigener Signatur beim Kartenlegen, das heißt, es fließt viel von ihrer Persönlichkeit ein, und wenn ich mehrfach die Karten auslege für eine bestimmte Person, so werden sich erfahrungsgemäß immer wieder typische Konstellationen in den Karten zeigen, die eben mit dieser Person zusammenhängen und die in anderen Auslagen so nicht auftauchen.“

 

Das Kartenlegen als Zukunftsvorhersage funktioniert also, weil im Jetzt unmittelbar schon das Morgen enthalten ist und weil die Bildwelt der Karten das Allgemeine mit dem Individuell-Persönlichen in wunderbarer Harmonie zu vereinen versteht – und nicht zuletzt, weil uns das Leben selbst täglich neu die Karten mischt…

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